Erfahrungsbericht
Rückblick auf die Begleitung meines Vaters
in den Jahren 2020 bis 2023:
Anfang 2020 verstärkten sich Vaters seit 2017 bestehender Morbus Parkinson und seine mittelstarke Demenz. Sein Pflegegrad 2 wuchs stetig an bis zu Pflegegrad 5 im Jahre 2022. Eine Begleitung durch einen Ambulanten Hospizdienst lehnte er strikt ab. Auf Nachfrage dort erfuhr ich, dass dies bei Menschen der Geburtsjahrgänge 1920 bis 1940 häufig vorkommt - "man hat keine Probleme; wenn man doch welche hat, löst man sie selbst und spricht nicht darüber". Da ich eine Ausbildung bei der IGSL zur Ehrenamtlichen Hospizbegleiterin absolviert hatte, übernahm ich in Absprache mit Vater die Begleitung selbst. Die Begleitung meines Vaters wurde intensiver mit dem Tod seiner Frau - meiner Mutter - im Juli 2022 nach 62-jähriger Ehe. Seither litt er häufig unter depressiven Stimmungslagen; auch setzte er sich vermehrt mit seiner eigenen Endlichkeit und seinem eigenen Sterben auseinander. Seit August 2022 begleitete ich ihn dann seinem Haus, welches in fußläufiger Entfernung meiner Wohnung liegt, und zwar hauptsächlich durch Da-Sein und durch Gespräche. Dabei lebte ich besonders stark die folgenden Punkte aus dem 10-Punkte-Programm der IGSL-Hospiz: "Wir sehen Menschen mit Verwirrtheit und Bewusstseinsverlust als besonders schutzbedürftig an." "Wir unterstützen den Vorrang einer verantwortbaren Sterbe- und Trauerbegleitung in der häuslichen Umgebung vor stationären Angeboten." "Wir lehnen Tötung auf Verlangen und den assistierten Suizid ab." Vaters gesundheitlicher Zustand war starken Schwankungen unterworfen; dementsprechend passte ich den Verlauf der Begleitung an: mal hatte Vater mehr Gesprächsbedarf, dann wieder wollte er nur, dass ein vertrautes Familienmitglied einfach da war. Insgesamt merkte ich, dass die Beziehung vertrauensvoller wurde und Vater immer tiefer sitzende Themen ansprach. Dabei erlebte ich keine Konflikte zwischen meiner Rolle als Tochter und selbst Trauernde und meiner Rolle als Hospizbegleiterin; im Gegenteil erlebte ich, wie beide Rollen sich gegenseitig ergänzten: "als Tochter kenne ich Vater gut und weiß, wie ich ihn in der jeweils aktuellen Situation bestmöglich begleiten kann; und meine Rolle als Hospizbegleiterin befähigt mich, es mit Da-Sein, Den-Raum-halten und Gesprächen gut sein zu lassen und nicht zu meinen, ich müsste ihm Lösungen für seine Fragen bereitstellen oder ich müsste mich von manchen seiner Äußerungen persönlich getroffen fühlen". Gleichzeitig bewältigte ich meine eigene Trauerarbeit um meine Mutter dadurch, dass ich mich mit ihr verbunden fühlte, indem ich Vater begleitete. Im Verlauf des Jahres 2023 wurden unsere Gespräche aufgrund von Vaters zunehmender Schwäche zwar kürzer, dafür aber intensiver dahingehend, dass Vater seine Krankheit und seine Vergänglichkeit schrittweise immer besser annehmen und seinem Tod immer ein bisschen gelassener und versöhnter entgegensehen konnte. Die Begleitung endete im Dezember 2023 mit Vaters Tod. Er ist ganz ruhig im Frieden Gottes und ohne Schmerzen für immer eingeschlafen. Ich bin sehr dankbar, dass er bis zum Schluss zu Hause bleiben konnte, ich ihn dabei begleiten durfte und wir versöhnt voneinander Abschied nehmen konnten. Diesen Weg, so schwer er mitunter auch war, möchte ich um keinen Preis missen - er hat mein Leben weiter, tiefer und reicher gemacht. Von Herzen danke ich Frau Inge Gergen und Frau Julia Schwarzmüller vom Ambulanten Hospizdienst Saar in Ottweiler für alle Unterstützung in dieser Zeit.
Karin Matthai, St. Ingbert, im Februar 2024
